Ox-fanzine (German)

Ox-Fanzine ca. 2002

HYDROMATICS
Weder Rast noch Rost
Tony Nitwitz und Scott Morgan, das sind zwei Szene-Veteranen, die sich schon vor über zwei Jahren mit den HYDROMATICS und dem Debüt-Album auf White Jazz gemeinsam zu Gehör gebrachten. Zwei Jahre später sind die HYDROMATICS zurück, zwar ohne den damaligen Mitstreiter Nicke Royale, da der sich auf seine HELLACOPTERS konzentriert, aber nicht minder erdig rockend und rollend. “Powerglide” heisst die neue Scheibe, erschienen auf dem italienischen Label Freakshow Records, und so machte ich mich auf nach Köln, um mich mit Tony Leeuwenburgh (Amsterdam, ex-NITWITZ, B.G.K., LOVESLUG), Scott Morgan (Detroit, u.a. ex-SONICS RENDEZVOUS BAND) und ihren beiden Mitstreitern Theo Brouwer und Andrew Frost zu unterhalten.

Macht es euch was aus, mal eben zu erläutern, was ihr bisher so gemacht habt?

Tony: Überhaupt nicht. Ich habe 1978 eine Band namens THE NITWITZ gegründet. Die löste sich später auf, wurde zu B.G.K., einer der ersten Hardcore/Thrash-Bands in Europa, die auch zweimal in den USA auf Tour war und natürlich mehrfach durch Europa tourte, lange bevor die Szene so vernetzt war wie heute. 1987 lösten sich B.G.K. wieder auf, ich gründete LOVESLUG, eine Band, die auch viel in Deutschland spielte, gerade im Ruhrgebiet, und Anfang der Neunziger irgendwie in den Grunge-Kontext gebracht, was wohl damit was zu tun hatte, dass Jack Endino uns produziert hatte. Ich hatte dann verschiedene lokale Bands, aber da wurde nie richtig was draus. 1996 reformierte ich dann THE NITWITZ anlässlich der Veröffentlichung eines Buches über niederländischen Punkrock, Epitaph Europe boten uns einen Plattenvertrag an, wir nahmen ein Album auf, doch damals war Brett Gurewitz gerade auf Heroin-Entzug und da kam es nicht so gut, dass wir uns den Titel “The Dark Side Of The Spoon” für unsere Platte ausgesucht hatten. Wir brachten die Platte dann selbst raus und blieben noch eine Weile zusammen. Zu der Zeit hatte ich mich dann mit Nicke von den HELLACOPTERS angefreundet, wir waren zusammen im Studio und versuchten so viel wie möglich von der SONICS RENDEZVOUS BAND zu klauen wie möglich. Etwas später traf dann Nicke in Detroit auf Scott und fragte ihn, ob er nicht bei uns mitmachen wolle, er wollte, und so machten wir das erste Album und jetzt gibt es ein zweites Album und wir sind hier.
Theo: Ich habe nicht viel zu erzählen: ich habe mit Tony bei THE NITWITZ gespielt und war noch in zig lokalen Bands in Amsterdam, von denen aber wohl niemand was gehört hat.
Andy: Ich komme wie Scott aus Detroit und habe zuvor bei GLAZED & CONFUSED gespielt, aber wir konnten nichts und dann traf ich Scott, er fragte, ob ich bei den HYDROMATICS spielen wolle, und ich wollte.
Scott: Meine erste Band hatte ich an der Highschool, THE RATIONALS, die sich 1970 auflösten. Ich gründete dann GUARDIAN ANGEL, aus denen LIGHTNING wurde, und als mir die langweilig wurden, folgte SONICS RENDEZVOUS BAND zusammen mit Fred “Sonic” Smith von MC5. Später gewannen wir dann Scott Asheton von den STOOGES als Drummer und Gary Rasmussen von UP als Basser. Die Band hielt bis 1980. Danach bis Mitte der Neunziger war ich solo unterwegs, und spielte 1996 zusammen mit Wayne Kramer von MC5 sowie Deniz Tek von RADIO BIRDMAN die Platte “Dodge Main” ein. Danach war nicht viel, bis ich die HELLACOPTERS traf und mit ihnen in New York ein paar Shows spielte, im CBGB´s und so. Wir nahmen eine Single für SubPop auf, und als sie dann etwas später nochmal in die USA kamen, um ihre erste Tour zu spielen, trafen wir uns in Chicago und Nicke rief Tony an, um ihn zu fragen, was er von der Idee halte eine gemeinsame Band zu gründen. Er wollte, wir nahmen etwas später in Amsterdam die erste Platte mit Eric Kaatee auf. Die Platte kam auf White Jazz raus, wir tourten mit den HELLACOPTERS und ZEN GUERILLA durch Europa, und danach ging dann nicht mehr viel, da wir über die ganze Welt verteilt waren und Nicke mit den HELLACOPTERS beschäftigt war. Etwas später war ich dann mit Deniz Tek und SONIC ASSASSIN auf Europatour, und wo ich schon mal da war, dachten wir uns, wir könnten auch gleich in Amsterdam ein neues Album aufnehmen. Mit Andy hatte ich damals schon ein paar Monate gespielt, wir kamen gut klar, und so war er auch mit dabei. Und was soll ich sagen, es lief gut: eine coole Kombination aus Soul – wir hatten richtig gute Sängerinnen und Bläser im Studio – und Detroit-Rock.

Ist Nick denn noch in der Band?

Scott: Nick? Welcher Nick?
Tony: Er ist unser größter Fan.
Scott: Nein, wir sind immer noch gute Freunde, er ist ein Netter.

Bei den HYDROMATICS treffen bzw. trafen sich vier Generationen von Musikern: Andy mit Anfang 20, Nicke mit Ende 20, Tony mit Ende 30 und Scott, der seit über dreissig Jahren Musik macht. Wie geht das zusammen?

Tony: Es ist die Musik, die verbindet. Ganz gleich, ob du von Soul oder Rock´n´Roll redest, gute Musik ist gute Musik. Ich war ja mal Teil der frühen europäischen Hardcoreszene, und daran störte mich schnell, wie gleichförmig die Bands wurden. Wer braucht noch eine weitere MINOR THREAT-Kopie? Ich mag MINOR THREAT, aber die ganzen Klonbands? Ich bin 38, ich will auch mal was anderes machen, und Scott kommt aus einer anderen Ecke, ebenso Theo und Andy, aber wir haben alle ähnliche Vorstellungen davon, was gute Musik ist, wobei sich das nicht unter einer Stilbezeichnung zusammenfassen lässt: Punk, Soul, Rock – wir holen uns überall die interessanten Elemente.
Scott: Wir orientieren uns nicht an anderen Bands, wir machen unser Ding. Was auf MTV läuft ist uns ganz egal.
Theo: High energy Rock´n´Roll, das ist unser Ding.
Scott: Wir haben´s nicht nötig, uns an einen Trend ranzuhängen.
Tony: Ich hatte schon 1983 einen MC5-Schriftzug auf meiner Gitarre, und das war damals nicht cool. Damals hielt man MC5 für einen Haufen Hippies, die komischen Lärm gemacht haben.
Scott: In letzter Zeit heisst es ja immer wieder mal irgendwo, dass der Rock´n´Roll zurückkomme, aber das muss sich erst noch zeigen. Ich meine, in unseren Kreisen, mit Bands wie HELLACOPTERS oder ZEN GUERILLA, mag das ja stimmen, aber auf Ebene der Charts und des Musik-TVs, da sehe und höre ich nichts von Rock´n´Roll, da ist das Beschwören des Rock´n´Roll-Spirits ein reines Lippenbekenntnis.
Tony:”Ich sage nur THE STROKES…

Die sehen ja auch so toll aus auf all den Magazincovern.

Tony: Das ist alles Hype, da steckt irgendwer richtig Geld rein. Wie sonst kommt man von Null nach ganz oben – ausser man heisst BACKYARD BABIES und lebt in Schweden. Die sind auf Platz 1 der Charts und die HELLACOPTERS haben Gold erreicht – keine Ahnung, aber Schweden scheint in der Hinsicht ein anderer Planet zu sein.

Nicht dass ihr irgendwem irgendwas beweisen müsstet, aber wo seht ihr eure Relevanz in einer Szene, in der ja nun alles schon mal dagewesen ist?

Scott: Was ist denn schon wirklich neu? Die Popmusik nicht, da wird jedes Jahr auf´s neue recycelt, aber ich denke, unseren Sound hat schon lange niemand mehr so gemacht, von daher hat das schon alles seine Berechtigung, finde ich.

Und was macht eure Musik aus?

Tony: Ehrlichkeit und der Glaube an das, was wir tun.
Scott: Es war im Showbusiness schon immer so, dass Aufrichtigkeit die wichtigste Tugend ist, und wenn man die schauspielern kann, hat man´s geschafft, hehe. Nein, ernsthaft, mann muss an das glauben, was man macht, an die Musik, und darf nicht nur ein Image und das Geld im Kopf haben. Darauf kommt´s an, und deshalb üben Bands wie MC5 oder STOOGES oder SONICS RENDEZVOUS BAND noch heute ihren Einfluss auf Musiker aus. All diese Bands haben nie wirklich viele Platten verkauft, und was die Leute heute für Erfolg halten, hat mit dem damaligen Status dieser Bands nicht viel zu tun. Die haben alle nicht mehr verkauft als heute eine größere Indie-Band, dabei waren sie auf Majors – und sind natürlich abgezockt worden.

Scott, wunderst du dich heute noch darüber, wenn du abgezockt wirst?

Scott: Nein, man erwartet es einfach schon, man sieht es kommen. Und deshalb sind alte Bands auch gefährlicher, denn die wissen, was passieren wird, während junge Bands blauäugig ins Verderben laufen.

Wie seht ihr das Verhältnis von Musik und Politik in diesen Tagen? Sollte Musik mehr sein als nur Entertainment?

Scott: Ja, denn das ist ja das Problem: Musik ist nur noch Entertainment, jeder Song sagt rein gar nichts aus, immer nur der ganze süße Liebesschwulst und “Nur meine Probleme sind wichtig”. MC5 waren ein Band, die eine Meinung hatte und diese den Leuten mitteilte, ja ihnen neue Themen und Wege aufzeigte und die damit bewiesen, dass Musik gefährlich sein kann.
Tony: B.G.K. waren immer eine politische Band, mit ähnlichen Vorstellungen wie sie FUGAZI bis heute haben: den Eintrittspreis niedrig halten, sich engagieren gegen die Großkonzerne, gegen Rassismus und Sexismus. Damals hielt ich das für wichtig, denn die Punkszene hatte sich überlebt, alles drehte sich nur noch um Gewalt und Oi! und so ´nen Scheiss. Ich vertrete heute noch die gleichen Ansichten wie damals, nur will ich nicht mehr in jedem Lied davon singen.
Scott: Nichts gegen Entertainment, aber die Sache sollte schon etwas Substanz haben.
Tony: Ausserdem hatte ich auch nach 200 Konzerten die Schnauze voll von Benefizkonzerten für Hausbesetzer, die lieber Techno hören. Keine Lust mehr auf verdreckte Squats, in denen man sich nur die Krätze holt. Trotzdem: wir alle stehen irgendwo auf der linken Seite des politischen Spektrums.
Scott: Meine Texte sind thematisch weit gefächert: mal eher persönlich, mal klar Stellung beziehend, aber in jedem Fall sage ich klar meine Meinung.

Und, meint ihr rückblickend, dass Musik, dass Texte etwas verändern können?

Scott: Scott Asheton hat mal gesagt, dass sich Musik nicht um Politik drehe, sondern dass Musik Politik sei. Musik ist gefährlich, weil sie Dinge verändern kann, und schon weil sie überhaupt existiert, verändert sie etwas. Rock´n´Roll und davor Swing und Jazz und Rhythm&Blues haben in den USA Weisse und Schwarze zusammengebracht – und das rein durch ihre Existenz, ohne spezielle Message.
Tony: Jemand wie Hazil Adkins, der auf der Bühne völlig ausgerastet ist, der in Trance geriet mit seiner Musik, der kann das ganze Publikum mit sich reissen und das ist gefährlich.

Was macht ihr ausserhalb dieser Band?

Tony:Ich bin Software-Entwickler und spiele noch bei THE NITWITZ.
Scott: Andy und ich haben noch eine andere Band in den USA namens SCOTT MORGAN´S POWERTRAIN, aber bislang sind wir über die Proben noch nicht hinausgekommen.

Diskographie:
– “Parts Unknown” LP/CD White Jazz ´01
– “Powerglide” CD Freakshow ´99